Führen im Zeitalter der Digitalisierung 10

«Mein Chef ist doch echt ein Hornochse! Sieht die Welt stets mit seinen zu eng gezurrten Scheuklappen, schnaubt wegen dem kleinsten Mist und stapft stur durch seine vorgepflügte Spur. Das Einzige, was ihn doch vom Hornochsen unterscheidet, ist die Tatsache, dass wir den blöden Karren ziehen und nicht er!»

 

Polemik wie diese ist wohl auch heute keine Seltenheit in der Businesswelt. Denn Emotionen verbinden nicht nur, sie schüren auch Konflikte und treiben auseinander. Die Digitalisierung spielt dabei eine nicht zu unterschätzende Rolle, denn sie verändert Machtdynamiken und Kommunikationswege, was einen starken Einfluss auf die Zusammenarbeit im Team hat, und somit auch auf die Art und Weise, wie Organisationen und Unternehmen geführt werden müssen.

 

Digitale Kommunikationswege

 

Über digitale Medien, welche heute auch für informelle Alltagskommunikationen genutzt werden, können nicht auf dieselbe Weise nonverbale Signale vermittelt werden. Auch Emojis können die feinen emotionalen Aspekte einer Face-to-Face Begegnung nicht ersetzen. Doch wie die kleine Szene oben zeigt, sind Emotionen massgebend dafür, ob ein Team zusammenhält oder nicht: Einer für alle und alle für einen – oder keiner für niemanden und niemand für keinen? Insbesondere in einer Führungssituation ist es unabdingbar, die Mitarbeitenden zu «spüren», denn so können Perspektiven eröffnet, Konflikte konstruktiv bearbeitet, die Stimmung hochgehalten und das Engagement aller Beteiligten gesteigert werden.

 

Natürlich hat es seine Vorzüge, wenn man mal rasch über den Gruppen-Chat ein Update, eine Anweisung oder eine Nachricht rauslassen kann, doch darf dabei die analoge Begegnung nicht vergessen werden. Ohne analoge Begegnungen kennen wir uns nicht wirklich, und wenn wir uns nicht kennen, vertrauen wir uns nicht, und wenn wir uns nicht vertrauen, dann funktionieren wir nicht als Team. Entsprechend ist es von entscheidender Bedeutung, sich der Situation bewusst zu sein und digitale Hilfsmittel und persönliche Kommunikation ausgewogen miteinander zu kombinieren.

 

Digitalisierung, Macht und Selbstbewusstsein

 

Die Digitalisierung treibt den sozialen Wandel aber auch in andere Richtungen, welche sich letztendlich auf Emotionen, Führung und Teams auswirken. Dies sind Aspekte der Selbstermächtigung, der Eigenverantwortung und solche einer immer feineren Sensibilität. Wir wissen Bescheid, sind gebildet und überzeugt davon, vernünftig urteilen zu können.

Entsprechend haben wir (zumindest nach aussen hin) ein gesundes Selbstbewusstsein und stellen fest, dass auch alle anderen Menschen, egal welche Position sie innehaben, eben auch nur Menschen sind. Dies führt einerseits dazu, dass Respekt und Autorität nicht mehr absolut gegeben sind, sondern immer wieder neu verdient werden müssen; andererseits bedeutet es aber auch, dass ich meinem Gegenüber seine eigene Kompetenz, Urteilskraft und Eigenverantwortung zugestehen muss. Ich muss ihm zuhören, mich darauf einlassen, den fremden Standpunkt ernst nehmen und wertschätzen – ihm auf Augenhöhe begegnen. Wer dies nicht tut, wird auch selbst nicht ernst genommen, nicht erhört und nicht wertgeschätzt. Aus diesem Grund ist emotionale Kompetenz ein Schlüsselelement in aktuellen und zukünftigen Führungssituationen.

 

Emotionen sind Triebkräfte – unabhängig von der Richtung...

 

Emotion ist vom lateinischen emovere abgeleitet und bedeutet soviel wie „in Bewegung setzen". Da eine gute Führungsperson ihre Mitarbeitenden bewegen können muss, ist es wesentlich für sie zu beachten, dass Emotionen die entscheidende Triebkraft unserer Handlungen darstellen.

 

Nun gibt es natürlich eine breite Palette an Emotionen, welche sich für so eine In-Bewegung-Setzung eignen. So kann zum Beispiel mit Druck, der Angst auslöst, oder mit Provokationen, die Ärger auslösen, Erstaunliches bewirkt werden! Doch Sie werden feststellen, dass Sie das weder glücklich noch erfolgreich macht. Denn in jedem Fall ist es um einiges förderlicher, produktiver und nachhaltiger, solche negativen Emotionen zu vermeiden und auf positive Emotionen wie Freude, Hoffnung und Stolz zu setzen. Diese nämlich führen zu wahrer Anstrengungsbereitschaft, welche nicht bloss Vermeidungsstrategien unerwünschter Situationen darstellen. Ob so oder so verhalten sich Emotionen immer dynamisch. Führen heisst daher, diese Dynamik nicht in einen zermürbenden Teufelskreis zu lenken, sondern in einen Engelskreis, welcher zu einem nachhaltigen Flow und Erfolgserlebnis führt.

 

- von Yanick Forcella

 

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